Textlinguistik 1

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Arbeitsblatt: Was ist eigentlich ein Text?
(ein unzumutbarer Ausflug in die Sprachwissenschaft (Teilgebiet: Textlinguistik)

Ein Text ist halt ein Text, sagen die einen, ist doch kein Problem. Halt, sagen die anderen, ist doch ein Problem, und zwar ein riesiges. Produziert ein besoffen Delirierender oder ein Kleinkind oder ein normaler Mensch direkt nach dem Aufwachen schon Texte? Und wenn wir mit einer gewissen Wissenschaftlichkeit Texte untersuchen, interpretieren, kritisieren wollen, müssen wir doch vorher sagen, was das ist, was wir untersuchen, interpretieren, kritisieren.

Ein ganzer Wissenschaftszweig (Sprachwissenschaften) beschäftigt sich mit diesem Problem. Eine häufig benutzte – und deshalb wohl relativ taugliche Definition dessen, was ein Text sei, lässt sich ungefähr so umschreiben:

Ein Text ist eine Ansammlung von sprachlichen Zeichen, die

a)     in sich kohärent – das meint grammatisch und inhaltlich
zusammenhängend – ist[1]    und

b)     erkennbar als Einheit zusammengehört [2]   und

c)     eine erkennbare kommunikative Funktion hat.[3]

Kriterium b) vergessen wir eher, um nicht zu viel Chaos zu erzeugen – das ist auch nur für die Analyse von mündlicher Kommunikation wichtig.

Kriterium c) ist wohl von sich aus einsichtig und benötigt kaum Erläuterungen, auch wenn darüber ganze Bücher geschrieben werden.

Probleme bereitet Kriterium a), die sog. Kohärenz von Texten. Hierzu muss man sich einen Text ein bisschen wie ein Domino-Spiel vorstellen: Verschiedene Zeichen werden verknüpft, ergeben aber nur dann Sinn (also den Sieg), wenn die Verknüpfung a) nach bestimmten Regeln erfolgt[4] und b) insgesamt stimmig ist; eine falsche Verknüpfung zerstört den Sinn/Sieg).

Die Dominosteine eines Textes sind die in ihm verarbeiteten Informationsträger (Worte, Wortgruppen); die Verknüpfung der Informationen erfolgt wie beim Domino durch Wiederaufnahme einer bereits gegebenen Information (Thema). Beim Dominospiel werden neue Steine angefügt, bei Texten dient die Wiederaufnahme der Anfügung neuer Informationen zu einem Thema.

Anders als beim Domino kann ein Textautor noch, ohne Spielregeln zu verletzen, mittendrin einen neuen Anfangsstein (zweites Thema, Unterthema …) für eine neue Dominoreihe setzen; diese Reihen können parallel nebeneinander her laufen, miteinander verbunden werden, dann wieder auseinander laufen, Querverbindungen sind jederzeit möglich, und jedes Mal werden neue Informationen zu dem einen oder anderen Thema angefügt[5]; so ein Domino sähe vielleicht aus wie das dreidimensionale Modell des menschlichen Erbguts (DNS).

Wenn das alles geklappt hat, ist der Text kohärent, wenn nicht, nicht und in München sind die Straßenbahnen bequem[6].

 

 

In Fachbegriffen: Den ersten Dominostein einer dieser Reihen nennen wir bei Texten ‚Thema’, die angefügten Informationen ‚Proposition’[7] oder ‚Rhema’. Ein Thema wird also durch Propositionen irgendwie

·        erklärt (Explikation / explikative Themenentfaltung),

·        beschrieben (Deskription / deskriptive Themenentfaltung),

·        durch Argumente untermauert (Argumentation / argumentative Themenentfaltung)

·        oder einfach als Geschichte weitererzählt (Narration / narrative Themenentfaltung).

Damit man auch noch nach ein paar Sätzen weiß, zu welchem der Textthemen die jeweilige Information als Proposition angefügt wird, muss das Thema in dem Satz irgendwie wieder aufgenommen werden. ‚Irgendwie’ heißt, das ein Pronomen, ein Substantiv, eine Wortgruppe oder ein Konnektor (Adverb, Konjunktion) als Stellvertreter für das gemeinte Thema steht (so etwas nennt man dann: Kohärenzmittel).

Der Elefant hat einen Rüssel. Er ist lang und erstaunlich beweglich: Auch der Staubsauger hat einen ‚Rüssel’. Luft und Wasser passiert ihn und er kann sehr sensibel zugreifen.

Im letzten Satz ist die Wiederaufnahme schief gegangen (‚ihn’ ist nicht eindeutig), und sofort leidet die Textqualität. Geht es jetzt um den Rüssel oder um einen neuen Staubsaugertyp mit Greifzange?

Eine solche (notwendig verständliche) Wiederaufnahme, zu der dann eine Proposition angefügt wird, nennt man ‚Illokution’[8] – in unserem Beispieltext durch Unterstreichung hervorgehoben. Ein Thema wird also durch eine Illokution wieder aufgegriffen und erhält zusätzliche Informationen.

Was das für Textverstehen bedeutet? – Thematische Analyse

Die einzelnen Propositionen müssen durch die Deutung der Illokutionen einem Thema oder Teilthema zugeordnet werden. Teilthemen oder Themen müssen abgegrenzt (=definiert) werden.

Dazu brauchen wir wieder das Bild vom Domino-Spiel: ein Thema ist der erste Stein einer Reihe, also der Stein, der an keinem anderen anliegt. Ein Thema ist der Anfang[9] einer Informationskette (aus Illokutionen und Propositionen, die sich alle aus dem Thema ableiten lassen; das Thema lässt sich aber nicht von etwas anderem im Text ableiten[10].

Meistens ergibt sich das Thema beim Lesen: Dann ist die Schrittigkeit:

a)     Thema und ggf. Teilthemen bestimmen

b)     bei mehreren Themen die logische Abhängigkeit prüfen.

c)      die einzelnen Propositionen dem Thema bzw. den einzelnen Teilthemen zuordnen und die Art der Informationsanfügung bestimmen (explikativ, deskriptiv, argumentativ, narrativ ….)

Bei Unklarheit oder Unsicherheit gilt der umgekehrte Weg.

 Werner Santo

[1]      Der erste Abschnitt dieses Textes z.B.: Alle grammatischen Bezüge stimmen, Von Satz zu Satz wird die Information stimmig weiterverarbeitet, da sind keine sinnlosen Brüche drin etc …

[2]      Der erste Abschnitt dieses Textes z.B. lässt sich nicht beliebig auseinander reißen, erfüllte also auch als Einzeltext schon diese Forderung.

[3]      Der erste Abschnitt dieses Textes z.B.: In der speziellen Kommunikation zwischen Autor und Leser hat dieser Abschnitt wohl die Aufgabe/Funktion, den Leser argumentierend davon zu überzeugen, dass ein systematisches Nachdenken über den Textbegriff sich lohnt; im Gesamt dieses Textes kommt ihm auch noch eine Einleitungsfunktion zu.

[4]      Regel ist hier die Wiederaufnahme eines vorgegebenen Zeichens durch einen weiteren Spielstein

[5]      Selbiges macht auch dieser Text, indem er zwei Themen, nämlich ‚Text’ und ‚Dominospiel’ parallel behandelt, immer wieder neue Informationen anfügt, und immer wieder Querverbindungen erstellt.

[6]      Hier hat das mit der Kohärenz nicht geklappt: Das Thema ‚Münchener Straßenbahnen’ mit der angefügten Information ‚bequem’ haben keinerlei Bezug zu vorangegangenen und folgenden Informationen. Hier sieht der Text zwar noch aus wie ein Text, ist aber nicht wirklich ein Text – verloren!

[7]      von lat: pro-ponere: vor Augen stellen

[8]      von lat: in + locus, entspricht im Deutschen etwa dem Begriff: Verortung (der Proposition in einem Thema)

[9]      Vorsicht: Das Thema muss nicht am Anfang stehen: Er war 18 und groß. Er war neugierig. Karl lebt in XY.

[10]   ‚Ableiten’ meint, dass sich die Information als nähere Erklärung, Beschreibung, Weitererzählung oder als Argumentationsglied zu einem Thema beschreiben lässt.

Rüssel à Beschreibung eines Körperteils des Elefanten | Greifen, Saugen à Rüsselfunktionen | Staubsaugerschlauch à Veranschaulichende Erklärung des Rüssels | Länge und Beweglichkeit à genauere Beschreibung des Rüssels: Also ist der Elefant eindeutig das Thema unseres Beispieltextes, nicht der Rüssel, nicht der Staubsauger

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